Ballade von Mutter Engelkeund dem kleinen, frechen Juden Karli ReisTatzeit: 1944/45. Tatort: Wien, Sitz der Geheimen Staatspolizei (GESTAPO) am Mortzinplatz, sowie Miethaus Laufbergergasse Nr. 6 im II. Bezirk. Als sie sich zum Verhöre eingefunden, hat man geglaubt an einen klaren Fall: "Als Zeugin kam Frau Schleifer, zu bekunden: die Jüdin Reis von Nummer vier empfing – welch ein Skandal – von Ihnen Milch! Und nicht zum ersten Mal!" Fort fror das Lächeln da in ihren Zügen, und Scheiben klirrten von der Stimme Schwall: "Sie kriegt die Milch! Und wird sie weiter kriegen! Freiwillig an der Front mein Mann nun schon zum zweiten Mal, *) ich selbst seit vierunddreißig 'illegal', **) da dürfte ich, was mein ist, nicht verschenken? Bin angezeigt? Von einer Nachbarin? Auf Deutschlands Feinde sollt Ihr Euch beschränken! Wißt Ihr, daß ich seit Anbeginn bei der Bewegung bin, als früher Tage treue Kämpferin?" Es flucht' der Referent: "Macht schnell ein Ende!" Sie stand im Zorn vor ihm, es peitscht' ihr Wort. Er sah auf die - zur Faust - geballten Hände, zerfurcht vom Tagwerk in des Weinbergs Hang und wünscht' sie fort, vom Mortzinplatz nach einem fernen Ort. War nicht die Dame, deren Hand man küßte: die Schürze blau, die Schuhe derb und schwer. "Gebt mir Berlin! Wenn das mein Führer wüßte!" Die Herren blaß und Blicke glitten ratlos rings umher: "Ist gut ja. Alles gut. Wir bitten sehr!" Die Logik wär' wohl nicht dies Weibes Stärke, hat die GESTAPO später dann vermerkt! So ging man denn auf "wienerisch" zu Werke: Der Jüdin heimlich Milch zu geben, hat man sie bestärkt, damit die alte Schleiferin nichts merkt. * * * Frau Reis, die Jüdin, starb. An Altersschwäche! Auf Wien brach die "Befreiung" dann herein. Das Volk bezahlte für den Traum die Zeche - mit Vergewaltigung und Mord! Und Hungertod und Pein trat jetzt erst unter alle Dächer ein. Die Zeit der Geier! Der Verräter Stunde! Die alte Schleifer wechselte die Front: von Braun zu Rot und brachte schnell die Kunde, daß da fürwahr ein böses Naziweib im Hause wohnt: "Die wird von Euch doch etwa nicht verschont?" Bald stand die Engelke im Flur und weinte! Treppabwärts schwankt' der Hausrat! Welch ein Los! Ein Koffer blieb ihr, da die Wohnung räumte ein Pöbel wüst und sie samt ihrem Kinde obdachlos! Ist Gott denn tot? Die Not im Land war groß. * * * Jetzt müßt' die Gottheit handeln, wenn sie wollte, wenn sie nicht nur ein Götze wär' von Stein! Doch warum hier gerad' sie handeln sollte, da Leid ringsum? Und wenn, durch wen? Müßt' es ein Engel sein? Doch nur ein kleiner Emigrant trat ein! Es stand in Mamas Brief, ich wollt' nicht säumen, zu sagen Dank!", sprach eine Stimme leis'! Ein Ami-Offizier! Sie meint zu träumen! Der Jüdin Sohn: Der kleine, freche Jude Karli Reis! "Dank für die Milch! Ich schulde noch den Preis!" Noch unter Tränen hat sie ihm berichtet! "Halt!" donnert er, Faust am Pistolenknauf: Der Plünd'rer Schar zerstoben und geflüchtet! "Die Zinsen hier!" Da - Lebensmittel türmt er riesig auf. Und Zigarettenstangen oben drauf. Alles zurück!" des Captains Worte schallten! "Ihr Möbelpacker, schnell, marsch, marsch, zurück! Jedoch das Zeug der Schleiferin, der Alten, zum Fenster rausgekippt! Und laßt mir unversehrt kein Stück!" Aus Judasdiensten sprießt wohl selten Glück! Wer fügte rettend Zeit und Ort zur Wende? Glaubt einer noch an blinden Zufall hier? Es gäb' auch gute Juden, wie sie fände, gestand verlegen und ergraut Frau Engelke nach Jahren mir: "Wie unser Karli, von der Nummer vier."
*) Gemeint ist: freiwillig auch schon im Ersten Weltkrieg. **) "Illegale" nannte man die Parteimitglieder der NSDAP während des Verbotes der Partei zwischen 1934 und 1938 in Österreich. |