Der russische Reiter

Mai 1945


Längst war verklungen der Geschütze Grollen,
versprengte Wehrmacht war vorbeigebraust,
auf Rädern die für Siege sollten rollen,
und alle Hoffnung war mit ihr verschollen
indes in Siegharts schon der Feind gehaust.

Denn wo die Wehrmacht ging, schien auch der Glaube
verletzt: an Ordnung, an den Traum vom Reich
und seine Fratze hob schon aus dem Staube
der Satan, spähend lüstern nach dem Raube
von Seelen, wankend, wendisch, willig, weich.

In diesen Stunden pocht an manchen Toren,
ein Ei erbittend, eine Mutter an.
Gemeinschaftssinn, ging der so schnell verloren?
Beim reichsten Hof stieß sie auf taube Ohren,
die kleinste Hütte hat ihr aufgetan.*)

Da gellt ein Schrei: Habt acht! Die Russen kommen!
Vom „Brünndl" nieder stampft es durch den Wald.
Den Schreckensruf ein jeder hat vernommen,
man sah Kolonnen, schemenhaft verschwommen.
Verstecke sich wer kann! Sie kommen bald.

Da mußte jene Mutter jäh entdecken,
es fehlt ihr kleines Bübchen, noch nicht vier,
und es erfüllte sie mit wildem Schrecken
und alle die geäugt aus den Verstecken
die sahen Panzer rollen vor der Tür.

Das Kind war ich. Ich war davon gegangen
um einen Hund zu treffen, der mein Freund.
An Gegenbauers Tor gepreßt voll Bangen
sah staunend ich mit tränennassen Wangen:
es rollt und stampft vorüber nun der Feind!

Hoch wie die Häuser mir die Panzer schienen,
gefährlich wild der Reiter Spukgestalt.
Unendlich finster drohten alle Mienen
bis einer plötzlich vor mir hielt von ihnen,
dem ruhelosen Roß gebietend Halt!

Ich mußte hoch den Blick nach oben heben
Er hat nur kurz zu mir herabgeblickt
und hat mir plötzlich in den Arm gegeben
den Eierkuchen, den geraubt er eben
und ritt davon und hat mir zugenickt.

Ich ließ nicht ab, die Beute zu umarmen,
nachdem die Vorhut eilig durchgebraust.
Der Himmel hatte wiederum Erbarmen
und schließlich hielt mich Mutter in den Armen
und Eierkuchen haben wir geschmaust.

Ein Jammern jäh! In Tränen sich verzehrte,
dieselbe Alte nun vor ihrem Haus,
die Mutter vorhin nicht ein Ei gewährte.
Sie war’s, die ihren Kuchen nun entbehrte:
„An zwanzig Eier schlug ich dafür aus!"

Die Alte sah den Kuchen niemals wieder,
- den wir im Angesichte nun der Not -
verschlangen: Mutter, Oma, Schwestern, Brüder,
und den zuvor von hohem Rosse nieder
der fremde Reiter einem Kind entbot.

Und kommt der Tag, an dem sie Gutes lohnen,
dann wird vor dem verlausten Reitersmann
der Zar der Menschheit milde lächelnd thronen
und sagen ihm: „Hier darfst Du künftig wohnen,
weil Du mich nährtest irgendwo und wann!"
.

„Du irrst, Genosse," wird der zweifelnd fragen,
„traf ich Dich je? Bot je ich Brot Dir an?
Und Wodka teilt’ ich nie- in all den Tagen!"

„Was Du getan" wird drauf die Stimme sagen,
„einst einem Kinde, hast Du mir getan!"

          Gerd Honsik

*) Familie Luggauer, Matzles, Bezirk Waidhofen a.d.Thaya, Österreich.